Warum werden so viele Bäume im Sachsenwald gefällt?

Ein Interview mit Ulrich Maushake, Leitender Forstdirektor a.D. und forstlicher Berater der Familie von Rantzau, der ein Teil der Waldfläche Wohltorf/Aumühle gehört.

Herr Maushake, warum müssen die Bäume gefällt werden?

Die Waldpflege ist eine wichtige Voraussetzung, um den Wald, nicht nur angesichts des Klimawandels, möglichst stabil, gesund und zukunftsfähig zu halten. Und das bedeutet, dass man Bäume entnimmt, die entweder ein hohes Alter haben oder andere Bäume, die einen stabilen und vielfältigen Waldbestand verhindern. Würden wir den Wald sich selbst überlassen, bräuchte er viele Jahrhunderte, um sich zu stabilisieren. Und ein solcher Naturwald, ohne menschliche Eingriffe, ist für den Menschen nicht begehbar. Überall würden umgestürzte und überalterte Bäume liegen. Das ist zwar ökologisch höherwertiger, aber der Wald könnte nicht, wie jetzt, den Menschen auch als Erholungsraum dienen.

Auf Initiative einiger Bürgerinnen und Bürger und durch das Eingreifen des Aumühler Bürgermeisters Knut Suhk konnte zumindest der „Schaukelbaum“ erhalten bleiben, der bei Kindern sehr beliebt ist. Für viele Menschen sind so viele Baumfällungen im Wald, auch angesichts der Klimakrise, schmerzlich und schwer erträglich. Was sagen Sie diesen Menschen?

Ich habe zunächst vollstes Verständnis. Es wird aber keine gerodeten Waldflächen geben. Wir entnehmen Einzelbäume, um dem Nachbarbaum optimale Wuchsmöglichkeiten zu geben und damit den Waldbestand zu stabilisieren. Freiflächen, Rodungen, größere lichte Bereiche, wo kein Baum steht, sind nicht Ziel unserer Forstwirtschaft, auch wenn sie durch Sturmwürfe oder Käferbefall entstehen können. Jeder Einzelbaum ist stabiler gegenüber den Naturgewalten, wenn er genug Fläche für die Wurzeln hat. Auch für uns ist es natürlich traurig, wenn wir alte dicke Bäume absägen müssen. Aber letztendlich hat auch ein Baum ein biologisches Alter, und gerade bei alten Buchen brechen häufig Äste ab, die von innen faulen, was von außen nicht zu erkennen ist. In einem Wald mit vielen Spaziergängern und Fahrradfahrern stellen sie eine außerordentlich große Gefahr dar. Alte Buchen dunkeln zudem sehr viel Waldboden ab, deshalb brauchen wir für die neue Generation zusätzlichen Lichteinfall, um die Verjüngung voranzubringen. Deshalb entnehmen wir viele alte Buchen, die auch einen wirtschaftlichen Wert haben. Zum Erhalt des Waldes braucht der Besitzer eben auch Erträge.

Welche Arten sind von den Fällungen betroffen?

Der Sachsenwald ist sehr naturnah, weil es dort zum Beispiel viele Buchen und Eichen gibt. Wir wollen gerade diese Baumarten fördern, aber auch solche, für die wir uns eine Zukunft versprechen, wie die Lärche und Douglasie, die schon seit den Bismarck-Zeiten vorkommt und die wir erhalten wollen. Und wenn man diese Bäume erhalten will, dann brauchen sie Platz. Sie brauchen Licht zum Wachsen. Dann können sie entsprechende Kronen und Wurzeln ausbilden. Und ein gutes Wurzelsystem ist Grundvoraussetzung, damit die Bäume standhaft sind. Stehen viele Bäume dicht beeinander, ist der Einzelbaum außerordentlich instabil und es drohen Gefahren, insbesondere durch Windwurf, durch Käferbefall, aber auch durch Schneebruch, wie wir es im vergangenen Winter erlebt haben mit nennenswerten Bruchschäden an den Baumkronen.

In welchem Bereich des Waldes fällen Sie besonders viele Bäume?

Besonders an den Waldrändern werden wir stark eingreifen. Sie spielen für die Ökologie, aber auch die Waldästhetik eine besondere Rolle. Fällt hier mehr Licht ein, fördert das andere Baum- und Straucharten und damit die Artenvielfalt. Wir entfernen hier das Nadelholz und überalterte Buchen, belassen zum Beispiel Eichen, die mehr Licht einfallen lassen. Der Waldrand ist auch für die Sicherheit des Waldbestandes insgesamt eine wichtige Zone. Das sieht vielleicht erst einmal sehr brutal aus, aber in wenigen Jahren wird hier eine ökologisch wichtige Nische entstehen – ein Waldrand, an dem Menschen sagen werden, der ist wunderschön, und der insbesondere auch ökologisch außerordentlich wertvoll ist. Ein dichter Waldrand hat diese Qualitäten nicht.

Wie viele Bäume werden noch gefällt?

Wir beginnen gerade die Maßnahme, insgesamt werden es wohl 10.000 Bäume sein, darunter im Schwerpunkt jüngere Bäume. Die Gesamtfläche des Sachsenwaldes beträgt rund 1.000 Hektar. Grob geschätzt stehen auf einem Hektar mindestens 10.000 Bäume. Der Anteil der Bäume, die wir fällen, beträgt also ein Promille.

Wer trifft die Entscheidung, welche Bäume es trifft, und nach welchen Kriterien wählen Sie die Bäume aus?

Das entscheidet das örtliche Forstpersonal. Ich berate dort in der strategischen und langfristigen Entwicklung des Waldes. Unser erstes Kriterium ist natürlich die Sicherheit, die Betriebssicherheit, die Stabilität der Bestände. Und die kann man nur erreichen, indem man den Bäumen wie zuvor geschildert, ausreichend Licht gibt. Wir entscheiden uns für die Bäume, die zukunftsfähig und ökologisch wertvoll sind. Wir wollen eine naturnahe und risikoarme Forstwirtschaft. Da die Waldpflege sehr viel Geld kostet, haben wir natürlich auch die Wirtschaftlichkeit im Blick. Das heißt, unsere Zielbäume sind Eichen, Buchen, Douglasien und Lärchen und, in gewissem Umfang, auch Fichten. Die Fichte ist der „Brotbaum“ der deutschen Forstwirtschaft, weil sie besonders gut zu verarbeiten ist. Allerdings ist diese Baumart gerade in der „Monokultur“ in Zeiten des Klimawandels nicht sinnvoll. Im Sachsenwald haben wir nur wenige Flächen, auf denen nur eine Baumart wächst, auch davon wollen wir Abstand nehmen, weil eine Mischung aus verschiedenen Baumarten zukunftsfähiger und ökologisch besser ist – und für den Waldeigentümer auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten deutlich risikoärmer. Unser Ziel ist eine sehr naturnahe Forstwirtschaft, die einen Wald nachhaltig und optimal in allen seinen Funktionen aufrechterhält.

Wurden schwere Erntemaschinen eingesetzt, und falls ja, was hilft gegen die Bodenverdichtung, die dadurch entsteht und die das Bodenleben ja nachhaltig zerstört?

Der Schutz des Waldbodens ist ein herausragender Aspekt. Die riesig breiten Reifen der Maschinen scheinen auf den ersten Blick besonders schädlich, jedoch ist die Auflagefläche besonders groß, wodurch sich der Druck auf den Boden verringert. Wir achten sehr darauf, dass die Maschinen sich nur auf einem kleinen Teil des Waldes bewegen, den so genannten Rückegassen. Wir setzen aber auch Pferde ein, in dichten Waldbeständen, wo man dann ohne Schäden elegant zwischen den anderen Bäumen hindurch manövrieren kann. Außerdem ist es eine alte forstwirtschaftliche Tradition, mit Pferden zu arbeiten.

Was tun Sie, damit der Wald langfristig erhalten bleibt?

Wir setzen darauf, den Wald natürlich zu verjüngen. Das heißt, wir geben genauso viel Licht, dass die Bäume wachsen, aber nicht gleichzeitig andere Vegetationen, z.B. Gräser wie das Wald-Reitgras, die Fläche übernehmen, die schneller als die Bäume wachsen. Damit kommen auch Mäuse und dann haben wir ein Riesenproblem, den Wald wieder herzubringen. Wir verzichten weitgehend auf künstliche Pflanzung, weil wir ausreichend viele Baumarten im Wald haben, die wir möglichst naturnah in die neue Generation führen wollen. Ausgangspunkt der naturnahen Forstwirtschaft ist die Lichtgabe an den Waldboden, um dem Nachwuchs an jungen Bäumen eine Chance zum Wachsen zu geben. Das erfordert eben die Entnahme alter Bäume, anders können wir die Nachhaltigkeit aller Waldfunktionen nicht gewährleisten.

Die Fragen stellte Arnd Schweitzer.

Zur Information: Der Sachsenwald ist nur zu einem kleinen Teil, zum Beispiel im Billetal, ein Naturschutzgebiet. 20 Prozent sind so genanntes Flora-Fauna-Habitat (FFH), das lediglich auf die biologische Vielfalt in einem Gebiet abzielt, 80 Prozent sind Vogelschutzgebiet. Große Teile des Waldes sind schon lange forstwirtschaftlich geprägt. Auch wenn das Gebiet des Sachsenwaldes seit dem 1. Januar 2026 zum größten Teil zur Gemeinde Aumühle gehört, ist der Wald doch in Privatbesitz, unter anderem gehört er Gregor Graf von Bismarck oder dem Reeder Dr. Eberhart von Rantzau.

Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Sachsenwald, https://de.wikipedia.org/wiki/FFH-Verträglichkeitsprüfung, https://www.myheimat.de/aumuehle/c-natur/sommerspaziergang-durch-das-billetal-im-sachsenwald_a2706879