„Das sind ausgesprochen gefährliche Maßnahmen in Zeiten des Klimawandels“

Scheinbar endlos stapeln sich gefällte Bäume am Forstweg, große Fällungsmaschinen haben Wege zerfurcht, die jetzt teilweise nicht mehr begehbar sind – die massiven Eingriffe in den Sachsenwald zeigen ihre deutlichen Spuren. Für viele AnwohnerInnen sind beliebte Spazierwege nun zu Orten großen Unmuts, Schmerz und Ohnmacht geworden. Dass Forstwirtschaft auch schonender sein kann und sich dann sogar betriebswirtschaftlich rechnet, dafür plädiert Dr. Lutz Fähser, Leitender Forstdirektor a.D.. Er leitete von 1980 bis 1984 die Forstverwaltung im Sachsenwald und entwickelte vor über 30 Jahren im Stadtforstamt Lübeck ein schonendes Konzept der „Naturnahen Waldnutzung“.

Herr Fähser, wie beurteilen Sie die massiven Baumfällungen, die derzeit im Sachsenwald geschehen?

Ich habe keine intime Kenntnis über die Menge an Holz, die aktuell entnommen wird, ich kann es nur indirekt beurteilen anhand der Fotos und der Berichte, die ich erhalte. Rein rechtlich darf nur die Menge an Holz entnommen werden, die auch an Zuwachs entstanden ist. Es scheinen nun massive Einschläge auf einmal geschehen zu sein, was auch die heftigen Reaktionen in der Bevölkerung ausgelöst hat. Auch für den Wald sind das schockartige Eingriffe, speziell jetzt in Zeiten des Klimawandels, in denen die Wälder dunkel, feucht und kühl bleiben sollten. Jetzt ist vermutlich ein Stress für den Wald entstanden, der ihm in den Folgejahren erheblich zusetzen wird.

Wie sieht die Gesetzeslage aus?

Wir müssen bedenken, dass dies ein Privatwald ist, ein Betrieb. Dem muss man zugestehen, dass er, wie ein Landwirt, von seiner Fläche her einen Ertrag erwirtschaftet. Die Möglichkeiten der Eingriffe sind durch verschiedene Gesetze geregelt, unter anderem durch das Landeswaldgesetz. Der Waldbesitzer hat also die Möglichkeit, das, was jedes Jahr hinzuwächst an Holz, auch wieder zu entnehmen, und zwar in vollem Ausmaß. Nur größere Kahlschläge sind verboten. Ich vermute, dass diese Regelungen bei den derzeitigen Einschlägen beachtet wurden. Immerhin legt das Gesetz aber auch fest, dass die ökologische Funktionsfähigkeit der Wälder erhalten und verbessert werden soll. Leider gibt es keinerlei erkennbare Kontrolle mehr vom Landesministerium in Kiel aus, welche Auswirkungen Planungen und Realisierungen auf die Nachhaltigkeit der Wälder haben.

Rechtlich lässt sich also ein solch massiver Einschlag nicht stoppen?

Nein, das haben schon viele versucht. Das aktuelle Bundeswaldgesetz stammt aus dem Jahr 1975, die vorangegangene Bundesregierung hatte versucht, es zu novellieren, scheiterte aber an der intensiven Lobbyarbeit der Waldbesitzer.

Bitte erläutern Sie noch einmal genauer: Warum halten Sie das häufig übliche Vorgehen, wie es hier jetzt auch im Sachsenwald geschehen ist, für schädlich?

Solche Maßnahmen führen in Zeiten des Klimawandels zu einer Destabilisierung des Waldes.. Durch eine starke Entnahme an Bäumen fällt sehr viel Licht auf den Boden. Das ist eine ausgesprochen gefährliche Maßnahme in Zeiten der Trockenheit, des gesunkenen Wasserspiegels und der Erhitzung der Wälder. Es ist nicht gesetzwidrig, ich halte es aber langfristig für selbstmörderisch gegenüber der Entwicklung der Zukunft des Sachsenwaldes. Werden Nadelbäume freigestellt, wenn sie warm werden und wenig Niederschlag haben, dann werden sie von Borkenkäfern befallen, und so geht ganz schnell ein großer Teil des Waldes durch Krankheiten verloren. Ein Problem ist auch, neue nichtheimische Baumarten zu fördern, wie Douglasien oder Lärchen, die aus ganz anderen Lebensräumen stammen, und die in diesem komplexen Ökosystem, was seit der letzten Eiszeit hier entstanden ist, wirklich Fremdkörper sind und das Gesamtsystem schwächen.

„Die Geschichte des Sachsenwaldes spiegelt die unterschiedlichen forstlichen Konzeptionen seit 1871 wider. Eigentlich ist der Sachsenwald ein Buchen-Mischwald, unter anderem mit Eichen. Der erste Forstmeister nach 1871, Peter Lange, stammte aus einem Nadelwaldgebiet in Brandenburg. Er ließ im Sachsenwald auf Geheiß des Reichskanzlers viele Nadelhölzer pflanzen, wie auch die nordamerikanischen Douglasien, die um 1890 herum eine Modebaumart wurden. Deshalb haben wir heute im Sachsenwald so viele Nadelhölzer, die schnell wachsen und deshalb ökonomisch interessant erschienen. Der Nachfolger von Lange, Hugo Tietze, erkannte dann im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, dass man sich damit ein große Risiken eingehandelt hatte, und er begann, die Nadelbäume Schritt für Schritt wieder zu reduzieren, was seine beiden Nachfolger fortsetzten. Der darauf folgende Forstmeister stellte wieder auf mehr Fichten um. Es wird also klar: Es gab schon immer unterschiedliche Auffassungen zur Forstwirtschaft im Sachsenwald, und der Wald zeigt solche Spuren lange.“ . Als Bismarck den Sachsenwald geschenkt bekam, entstand damit auch eine gewisse Verpflichtung. Laut heutigem Grundgesetz Artikel 14, Absatz 2 soll Eigentum zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. Das gilt auch für die nachfolgenden Besitzer des Sachsenwaldes.“ Lutz Fähser

Sie haben vor 30 Jahren einen neuen forstwirtschaftlichen Ansatz im Stadtwald Lübeck etabliert. Sie sagen, für die Regeneration des Waldes ist es sinnvoller, ihn sich weitgehend selbst zu überlassen.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass wir den Wald behutsam wieder sich selbst regenerieren lassen. Das steht im Gegensatz zur häufig vertretenen Haltung, der Mensch müsse eingreifen und eine gewisse Struktur herstellen, nach Baumarten und nach Dichte. Natürlich ist der Privatwald darauf angewiesen, wirtschaftlich zu arbeiten. In Deutschland gibt es keine natürlichen Wälder mehr, diese sind alle in den vergangenen 2.000 Jahren übernutzt und verändert worden. Und nun stellen wir fest, dass diese verschiedenen Konzepte der Forstwirtschaft der letzten 200 Jahre eigentlich alle nach einer gewissen Zeit in die Sackgasse geführt haben. Aber dort, wo es Nationalparks gibt oder wo man lange nicht eingegriffen hat, haben sich eigenständig sehr stabile, vielfältige Wälder entwickelt, die wenig Risiko haben. Solche Wälder sind dicht und kühl und laufen auch betriebswirtschaftlich den anderen, stark menschengemachten Wäldern den Rang ab. Es ist menschliche Hybris zu glauben, dass wir es besser machen könnten als die Natur, die ihre Wälder seit 300 Millionen Jahren erfolgreich formt.

Was machen Sie im Stadtwald Lübeck genau anders?

Wir greifen möglichst wenig ein, erlauben der Natur, ihre eigentliche Stabilität herzustellen, was sie ganz von allein kann. Und das bedeutet, dass wir die ersten 40, 50 Jahre, wenn eine Kahlfläche entstanden sein sollte, gar nichts machen, sondern dass wir die Eigenentwicklung fördern und in 100 Jahren höchstens zweimal „pflegend“ eingreifen und dabei vor allem nichtheimische Bäume langsam entnehmen, alles mit einem Minimum an Störungen. Wir entnehmen nur einzelne alte, große und dadurch auch sehr wertvolle Bäume. So bleibt der Wald dunkel, kühl und feucht. Er ist etwa doppelt so dicht wie der Sachsenwald. Gerade Buchen und Eichen, die natürlichen Vertreter in unseren hiesigen Wäldern, brauchen diese Bedingungen. Wir benutzen keine Fällungsmaschinen, haben also auch nicht mehr alle 20 oder 40 Meter einen Rückeweg, der den Boden bei Feuchtigkeit extrem verdichtet. Dieses Vorgehen wird belohnt, weil die Natur ihren eigenen Weg geht, der immer auf Überleben und hohe biologische Produktivität abzielt.

Wieso funktioniert das auch betriebswirtschaftlich?

In der Forstwirtschaft entstehen üblicherweise sehr hohe Kosten durch Pflanzung, Pflege und Durchforstung. Die Bäume sollen dadurch eine große Krone haben und schnell wachsen. Jedoch ist die Produktivität der Wälder naturgesetzlich limitiert. Wenn versucht wird, den Output anzuheben, ist dies nur mit einer überproportionalen Steigerung der Kosten und Risiken möglich und nicht nachhaltig. Durch mehr Einsatz erhält man nicht unbedingt einen entsprechend höheren Ertrag. Man kann in der Wirtschaft mit Natur, in der Primärproduktion, betriebswirtschaftlich am ehesten optimieren und dadurch Gewinn erzeugen, wenn man die Kosten minimiert, das ist das Entscheidende. Das haben wir in Lübeck gemacht. Wir haben die direkten operativen Kosten um etwa zwei Drittel verringert. Um den Baumvorrat auf ein naturnahes Niveau anzuheben, schlugen wir viele Jahre nur die Hälfte des Zuwachses ein. Wegen der niedrigen Kosten blieb der Reingewinn dennoch relativ hoch.

Warum war es notwendig, zunächst weniger Bäume zu entnehmen?

Der Wald war zu Beginn meiner Arbeit dort im Jahre 1986 zu „mager“, wie es bei vielen Forsten in Deutschland aufgrund der üblichen Forstwirtschaft vorherrscht. Dadurch sind sie nicht sehr produktiv. Das ist wie bei Geldzinsen, deren Menge von der Basismarge abhängt. Wir konnten die Holzmenge im Wald in Lübeck von anfänglich 290 Kubikmetern pro Hektar Wald durch die schonende Bewirtschaftung auf jetzt ca. 550 Kubikmeter steigern. Hinzu kommt die Qualität der Bäume, die wir entnehmen. 80 bis 90 Prozent des Erntevolumens besteht aus einzelnen alten Bäumen, die hier und da schonend entnommen werden. Diese haben einen Preis, der zwei bis dreimal höher liegt im Schnitt als das, was andernorts geerntet wird. Wir erhöhen die mögliche Erntemassen durch dichtere Wälder, die mehr produzieren. Und wir erhöhen die Qualität und dadurch den Preis. Dadurch haben wir in Lübeck im Vergleich zu anderen öffentlichen Forsten einen wesentlich höheren Ertrag pro Hektar. Oft werden auch systemimmanente Risikokosten nicht mit in die Wirtschaftlichkeitsberechnung einbezogen, wie Sturmschäden, Sonnenbrand, Borkenkäfer- oder Pilzbefall, die bei der intensiven Forstwirtschaft häufiger sind. Bereits 2009 hat das Bundesamt für Naturschutz öffentlich festgestellt, dass unsere schonende Art der Waldbewirtschaftung in Zeiten des Klimawandels im Moment das beste Rezept ist, auch betriebswirtschaftlich. Wir schützen die natürlichen Produktionskräfte, also die natürlichen Ökosysteme, damit wir kostenarm viel und gut produzieren können.

Aus der Sicht vieler Menschen ist im Sachsenwald das Schlimmste schon passiert. Was können wir jetzt eigentlich tun?

Auch der Sachsenweit ist, wie alle Wälder in Deutschland, periodisch immer Katastrophen ausgesetzt gewesen. Der Zweite Weltkrieg zum Beispiel führte dazu, dass der Wald für den Brennholzbedarf in Hamburg massiv ausgeplündert wurde. Und auch die Reparationen an die Alliierten forderten ihren Tribut. Wichtig ist, die Wälder für eine gewisse Zeit in Ruhe zu lassen oder schonend mit ihnen umzugehen, dann erholen sie sich auch wieder., Das kennen wir aus der Evolution, in der es immer mal Katastrophen gab. Zeit zur Erholung muss man auch dem Wald geben. Da es ja ein Privatwald ist, gibt es keine rechtlichen Möglichkeiten, auf die Art der Bewirtschaftung direkt Einfluss zu nehmen. Aber es ist hilfreich, miteinander zu sprechen und die Verantwortlichen auf die anderen schonenderen Möglichkeiten der Forstwirtschaft hinzuweisen. Es geht immer darum, dass das Gesamtsystem ökologisch funktionsfähig bleibt. Wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen, dass die forstlichen Weisheiten der Vergangenheit weitgehend nicht mehr stimmen. Und dass wir übersehen haben, dass Wälder von sich aus überleben und sich organisieren mit allen Mikroorganismen, Pilzen, Springschwänzen, Mykorrhiza, und anderem, die wir als Förster in Zukunft mehr beachten müssen. Wir gucken zuviel nur auf den Holzstängel an der Oberfläche, den Baumstamm.

Die Fragen stellte Arnd Schweitzer.